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Christian Suhr. Schauspieler & Regisseur

© 2009 Christian Suhr I Kontakt I Impressum I BüchnerBühne Riedstadt

 

WAS IST DAS, THEATER ?

Was ist nur gemeint, wenn von Erfolgen, Mißerfolgen, den Erwartungen des Publikums, künstlerischen Absichten, wichtigen Stücken, Notwendigkeit der Künste, der Bedeutung oder gar Verantwortung eines Theaters für sein Umfeld gesprochen wird? –
Ich weiß es nicht …

Aber was wäre möglich, wenn man diese Frage gemeinsam mit einem Publikum untersuchte, d. h. zum Gegenstand der Arbeit selbst machte? Vielleicht tatsächliche, menschliche Begegnungen. Verständigung über konkrete Lebensinhalte, indem man durch Fragen über sie hinausweist.

Vielleicht so etwas wie – frei nach Wolfgang Heise – ein Laboratorium sozialer Phantasie

Sogenannte "Theater"-Labore haben eine  heute zumeist vergessene, dennoch bedeutende Tradition. Lebensbedürfnisse neu oder wieder zu entdecken – vor diese Aufgabe war das Theater schon oft gestellt . Zwei Beispiele:

Das erste Theaterlaboratorium wurde 1919 von Juliusz Osterwa in Warschau gegründet und trug den Namen REDUTA. Das Wort Reduta (von frz. “Redoute”) hat eine doppelte Bedeutung. Zum einen ist eine Redoute eine Festung. Eine Festung, die es Darstellern und Theaterschaffenden ermöglichte,  fern vom Marktplatz mit aller gebotenen Sorgfalt an der Entwicklung ihres Handwerks und ihrer Kreativität zu arbeiten. Eine Redoute ist aber auch eine festliche Veranstaltung. Ein Fest, das immer dann entsteht, wenn sich das Theater auf eine elementare Aufgabe konzentriert:

Die Begegnung des Darstellers mit dem Zuschauer.

Anfang der 60er Jahre gründete der polnische Regisseur Jerzy Grotowski  sein später weltberühmtes Theaterlaboratorium in Breslau. In einer bis dato einzigartigen Forschungskonstellation aus Theaterschaffenden, Ärzten, Soziologen und Wissenschaftlern entstanden methodisch, künstlerisch & thematisch wegweisende Inszenierungen, die in den 70er Jahren weltweit auf Tournee gingen und von prägendem Einfluß auf Arbeiten westlicher Künstler waren. So ist z. B. Peter Brooks für das heutige moderne Theater grundlegende Werk "Der leere Raum" ohne die Vorarbeiten Grotowskis nicht denkbar.

In Europa war Theater zunächst immer eine soziale Errungenschaft, entsprungen aus materieller Not oder ideeller Unterdrückung. Diese Entwicklung des europäischen Volkstheaters aus dem Geist des mittelalterlichen Karnevals nahm im deutschen Sprachraum mit der sogenannten „Weimarer Klassik“ ein jähes Ende. Der „Hanswurst“ (der Held der kleinen Leute) verschwand von der Bühne. Fortan ging es "ums Große & Ganze". Das Theater war in Deutschland seither, weil es Volk und Nation mit bilden half (und helfen mußte), immer auch eine politische Anstalt. Hieraus entstanden Volksbildungsheime und Stadttheater. Das Bürgertum hatte "sein" Theater als eines ausgebildet, das sein Selbstbewußtsein förderte, prägte und darstellte. Das sich kritisch mit den Zuständen auseinandersetzte, die es zu seiner Zeit vorfand. Zuweilen ein mächtiges Instrument. Beide – Bürger & Theater –  wurden in der Folge denn auch häufig zu "staatstragenden" Zwecken benutzt.

In jedem Fall: Ein Zeit-und Problembarometer.

Die künstlerischen Entwicklungen im Theater waren Spiegel der sich wandelnden Menschen-und Gesellschaftsbilder. Losgelöst von ihnen, laufen überlieferte Darstellungs- und Regiemethoden heute leicht ins Leere. Die Zeit der Ideologien ist vorbei. Politisch wie künstlerisch. Während sich das Gemeinwesen in einem wirtschaftlich zähen und sozial konfliktreichen Prozeß von der Produktions- in eine Dienstleistungsgesellschaft verwandelt, wird dieser Prozeß künstlerisch kaum bearbeitet, und im Theater tut jeder was er will und kann. So weit so gut - solange jemand das bezahlt. Und – nicht zuletzt: Solange jemand dieses sehen will.

In einer Zeit jedoch, in der die öffentliche Hand sich zunehmend aus der Verantwortung für die Kultur zurückzieht (vom Staat als moralische oder kulturpolitische Instanz ganz zu schweigen), die Besucherzahlen der subventionierten Bühnen (im freien Verkauf) allenthalben sinken, und langfristige Sanierungskonzepte Mangelware sind, kann die Devise kaum lauten: Weiter so mit weniger Geld.

Oder etwa doch? Fast will es so scheinen …
Vielerorts werden nicht mehr tragbare, öffentlich subventionierte Theater abgewickelt und in Stadthallen umgewandelt. Ein Bankrott in zweifacher Hinsicht:Neben der höchst zweifelhaften Wirtschaftlichkeit  solcher bundesweit praktizierter Konzepte bedeutet die reine Bespielung durch Gast-Ensembles dem Wesen nach das Ende regionaler Kulturpolitik. Die Beziehung zwischen Publikum und Bühne wird gekappt, Einmischung, Auseinandersetzung und gemeinsame Entwicklung sind nicht mehr möglich.

Eine Art "Entsozialisierung" des Gemeinwesens.

Wohin also mit dem Theater? Zumindest hin (zurück) zum Diskurs, und damit zur Teilnahme am öffentlichen Leben.

Im Gepäck: Handwerk und soziale Phantasie.

Christian Suhr

Theater-Arbeiten seit 1992

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